Rezensionen

Windgesang

Das geglückte Zusammentreffen von Poesie und Musik

Bereits das Titelbild auf der CD-Hülle lädt den Zuhörer zu einer Wanderung ein: Dagmar Tille hat dafür ihr Gemälde Blick auf den Schlenk beigesteuert. Die durch das Auge der Künstlerin gesehene Flusslandschaft setzt sich beim Hören der CD fort in eine Landschaft, bei deren Durchwanderung man den Improvisationen von Peter Missler und den Versen von Thomas Bartsch begegnet. Die Tradition der Begegnung zwischen lyrischer Sprache und improvisierten Musikstücken hat hier eine intensive und ausdrucksstarke Fortsetzung gefunden.

Auf Anhieb vermittelt das Gesamtkunstwerk den Eindruck äußerster Konzentriertheit und gleichzeitig großer Leuchtkraft im Wechselspiel von Sprache und Musik. Zustande kommt dieses den Zuhörer gefangennehmende Erlebnis durch eine kluge Konzeption. Einerseits ist der Celler Musiker Peter Missler Multiinstrumentalist; außer den geläufigen Instrumenten Querflöte, Tenor- und Sopransaxofon beherrscht er den Obertongesang und ist bei einem Stück auf der Skin Udu Drum zu hören (einer fellbespannten Tontrommel). Zum anderen liest Thomas Bartsch seine Gedichte im Wechsel mit seiner Frau Ulrike. Die beiden klar artikulierenden, dabei ganz unprätentiösen Rezitatoren bilden so mit ihren unterschiedlichen Stimmlagen und Resonanzen gleichsam ebenfalls zwei verschiedene Instrumente.
Peter Misslers hauptsächlich modal geprägten kurzen Stücke umrahmen wie Girlanden die Verse, ohne dabei bloßes Ornament zu sein. Der Duktus der Sprache wird weitergeführt, zuvor womöglich geweckte Emotionen und Assoziationen werden verstärkt oder auch beruhigt, indes immer logisch ins Idiom der Musik übersetzt. Bestechend ist immer die subtile Tongebung des Musikers.

Zwischen den Musikstücken bestehen Kontraste, andererseits lassen sich motivische Verknüpfungen erkennen. Der gelegentliche Rekurs auf Claude Debussys Flötenstück Syrinx mag Absicht oder Zufall sein, passend ist er in jedem Fall. Im Detail lassen sich viele schöne Feinheiten heraushören. So korrespondieren die bewusst nicht von den Aufnahmen eliminierten Atemgeräusche bei einer Flötenimprovisation mit dem zuvor gehörten Gedicht Nachtwind. Der gleichsam archaisch schwingende Obertongesang führt das Gedicht Orakel fort. Thomas Bartsch öffnet mit der Ocean Drum einen weiten Imaginationsraum nach seinem Gedicht Weich gab der Sand.

Die Gedichte verleugnen keineswegs die Einflüsse, die einerseits von den Dichtern der Romantik, andererseits von den Naturlyrikern aller Epochen herrühren. Thomas Bartsch findet jedoch seine eigene Sprache. Als Beispiel dafür kann das Gedicht An Hölderlin dienen. Bartsch weiß sehr genau, dass heute nicht einfach der Welt eine neue Heidelberger Romantik geschenkt werden kann, dass der Zeitgeist ein anderer ist, Gesellschaft und Individuum neuen Formen und Verformungen unterworfen sind und das Gedicht daher eine Gestalt finden muss, die eben diesen Tatsachen gerecht wird. Hölderlin verlor sich am Ende in seiner Götterwelt, Bartsch bleibt im Hier und Jetzt und spricht zu einem Du. Die Topoi der Romantik, zum Beispiel Wald, Meer, Träume, Nacht, sind virulent, werden aber ihrer hemmungslosen Inbrunst beraubt, ohne dabei an Intensität zu verlieren. Das Motiv der Nacht, mit dem Novalis (Hymnen an die Nacht) noch die orgiastische Selbstauslöschung des Sprechenden besingt, wird bei Bartsch zum zärtlich-poetischen Kleinod: „Doch werde ich schlafen tief und fest, wenn der flüchtige Tag deinen Zauber bricht.“

Seine Sprache zeichnet sich aus durch präzise eingesetzte Metaphern, durch sparsam, aber immer an entscheidender Stelle auftauchende neue Wortkombinationen, die Vermeidung jeglicher Redundanz und häufiger durch freie Rhythmen als strikt metrische Bindungen, so dem natürlichen Sprachfluss entsprechend. (Dies wiederum spiegelt sich in Peter Misslers Improvisationen wider). Ohne den Gedichten Gewalt anzutun, kann man bei ihnen oft auch ein sprachphilosophisches Element mithören. Stets fragt und vergewissert das lyrische Ich sich, wer hier spricht, unter welchen Bedingungen ein authentisches, selbst-bewusstes Sprechen möglich ist und was das Gegenüber dadurch empfängt: „Gib mir die Rose, die in deinen Worten blüht / Schau mich an, gib mir dein Wort.“

Ohne die Lyrik von Thomas Bartsch (pseudo)philosophisch überfrachten zu wollen, scheint mir doch an dieser Stelle ein Gedanke von Jean Paul Sartre erhellend: Mit dem Begriff der Verzeitlichung beschreibt er den Umstand, dass der Mensch in den drei Zeitekstasen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gefangen ist, ohne nur jeweils eine ausschließlich „haben“ zu können. Nach Sartre entsteht daraus etwas, das er „Identitätsmangel“ nennt.
Das Thema von Thomas Bartschs Gedichten ist sehr oft mit ihrer Zwiesprache mit der Natur, einem Gegenüber oder reflexiv mit dem Sprechenden selbst das Umschließen dieser drei Ebenen und schafft so eine, wenn vielleicht auch nur flüchtige, Identität im Aufleuchten der dichterischen Sprache (Du weißt um das Ade / Das brennende Salz).

Das Raunen und Rauschen der von Thomas Bartsch gespielten Ocean Drum entlässt den Zuhörer nach dem letzten Gedicht. Ins Offene.
Die CD wurde von Uwe Pitann aufgenommen und klanglich veredelt, das Layout ist von Lutz Wiedemann.

Andreas Oesterling, November 2011

Zwischenzeit

Rezitation und Musik mit Thomas und Ulrike Bartsch sowie Andreas Müller-Oesterling

Elze – Obwohl erwartungsgemäß zum Abschluss einer arbeitsreichen Woche der Ruf der heimischen vier Wände und des gemütlichen Sofas besonders laut sein kann, sollte man unbedingt dem nächsten Aufruf folgen, wenn es heißt „Jazz trifft Lyrik“.

Unter diesem Motto waren Schüler, Eltern und Mitarbeiter der CJD Christophorusschule Elze am Freitagabend, dem 16.05.2008, in den Hallen der Musikschule zusammengekommen, um drei besonderen Künstlern aus Walsrode ihre Aufmerksamkeit zu schenken.

Der Pianist und Musikpädagoge Andreas Müller-Oesterling, 1956 in Ravensburg geboren, brillierte mit Eigenkompositionen, die in der Synthese mit den einfühlsamen Gedichten des Lyrikers und Arztes Thomas Bartsch das Publikum überraschten. Keine bloße Rezitation fremder Verse, sondern vielmehr das Zusammenspiel beider Kunstformen versetzte die Zuschauer in Entzücken. So etwas wie „Jazz trifft Lyrik“ will erlebt sein. Thomas Bartsch, 1957 in Celle geboren, wurde von seiner nicht minder inspirierenden Ehefrau Ulrike Bartsch begleitet. Abwechselnd präsentierten beide Interpreten sprachlich ausgefeilte, facettenreiche Texte aus seinen Lyrikbänden, die im Einklang zu den herausfordernden und immer wieder überraschenden Klavierstücken von Andreas Müller-Oesterling dialogisierten. Das Zwiegespräch mit Kreativität ließ die Zuhörer in sich gehen.

Die weiche melodische Stimme als weiblicher Gegenpart bereicherte die eindrucksvollen Bilder, die beide Herren mit ihrer eigenen Musik und eigenen Gedichten zu initiieren in der Lage sind. Die leidenschaftlich-virtuos gespielten Musikstücke brachten dem Künstler stürmischen Befall. Gleichermaßen wurden Thomas und Ulrike Bartsch für ihre außergewöhnliche Darstellung anspruchsvoller und keinem Modetrend angepasster Lyrik gewürdigt. Im Übrigen handelt es sich bei beiden um ehemalige Absolventen der Elzer Christophorusschule, die ihre ersten nachhaltigen Impulse an eben dieser Einrichtung während ihrer Schulzeit gewannen. Aus der Beschäftigung mit den lyrischen Werken von Hermann Hesse, Josef von Eichendorff oder auch Gottfried Benn erwuchs die Leidenschaft, selbst Gefühle, prägende Alltagssituationen oder andere ansprechende Erlebnisse in Form von Gedichten zu versprachlichen.

Seit eineinhalb Jahren gelingt es auf phantastische Weise, die Verbindung zur musikalischen Komponente Jazz zu pflegen. Denn wo Poesie nicht in erster Linie für Leser, sondern für Hörer gemacht wird, ist nach Meinung von Thomas Bartsch und Andreas Müller-Oesterling „die gemeinsame Wurzel zu spüren: in der Magie des Klangs, in der Rhythmisierung des Silbenfalls und der Melodisierung des Sprechduktus.“ Vielleicht bietet gerade diese Herangehensweise einen neuen Zugang für den eher stiefmütterlich behandelten Zweig der Literatur bzw. des Literaturbetriebs – die Lyrik. Allen drei Künstlern gemeinsam ist das Bedürfnis, das Publikum durch das Arrangement von Literatur und anderen Kunstformen zu begeistern.

Im Rahmen der Round table-Veranstaltungen, zu der die CJD Christophorusschule Elze regelmäßig einlädt, gelang der ambitionierten Künstlergruppe eine wirklich beeindruckende Präsentation. Ein Geheimtipp – auf den es sich einzulassen lohnt.

Leine-Deister-Zeitung, den 22.05.2008

Der Stein des Sisyphos

Buchbesprechung (Info-Dienst Theologische Erwachsenenbildung/
Katholische Bildungsgemeinschaft für Erwachsenenbildung)

Thomas Bartsch
Der Stein des Sisyphos – Von der Kränkung zum Glauben
Edition Astrup, Walsrode, 2005, DIN-A4-Format, 71 Seiten)

Thomas Bartsch, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin mit tiefenpsychologischer Ausrichtung in Walsrode, unternimmt es in vier Kapiteln, sich in dichter und in weiten Teilen dichterischer Sprache der Gestalt des Sisyphos (in der Interpretation von Albert Camus) zu nähern. Seine Gedanken schließt er in einem fünften Kapitel mit eigenen lyrischen Variationen zum Thema „Krise“ ab.

Der Autor spielt – und das macht diese reizvolle Schwere der Lektüre aus – souverän auf den verschiedenen Sprachklaviaturen der Medizin, der Psychologie und Psychoanalyse, der Literatur und der Philosophie. Durch reflexive Einschübe im Sinne eines inneren Monologs verbindet er die verschiedenen Melodien zu einem spannungsvollen Konzert.

Sisyphos ist für Bartsch in Umkehrung des Camus`schen Ansatzes nicht der Rebell, sondern – in Anschluß an Viktor Fankl – ein glücklicher Mensch, „der in seiner Krise sich auf Werte besinnt und dadurch Selbstwertschätzung und Autonomie gewinnt“(S.15). Nicht zuletzt auf diesem Hintergrund ist die Warnung des Autors, „besinnungslose, bequeme, Autonomie verweigernde Unterwerfung nicht als Moral zu definieren“(S.21), nicht nur bedenkenswert, sondern von höchster Aktualität und Brisanz.

Daher versteht Thomas Bartsch „Sisyphos als einen Menschen, der verstanden und abgeholt werden muß; ich selber trete mit dieser Symbolfigur in einen empathischen Bezug, nehme mit ihr einen Dialog auf“ (S. 46). Indem der Autor – und hier beeindruckt wie an vielen anderen Stellen des Buches die persönliche Sprachform – einen empathischen Dialog aufnimmt und dabei die Autonomie des Sisyphos erfährt, nähert er sich – und damit endet das Buch – der Erfahrung „des eigenen menschlichen Begrenztseins“, was für ihn „auch die Essenz wahrhaft leidenschaftlichen Glaubens ausmacht.“

Thomas Bartsch gibt dem Leser keine leichte, keine alltägliche, aber dafür eine um so anregendere Lektüre in die Hand, die sowohl für die (theologische) Bildungs- als auch für die Beratungsarbeit nützlich sein kann. Er spannt den Bogen von Albert Camus über Viktor Frankl bis zu Sören Kierkegaard. Er läßt uns teilhaben an persönlichen Lektüreerfahrungen (Rose Ausländer, Rainer Maria Rilke und Reiner Kunze) und rundet sein Buch – vielleicht wäre die Gattung „Essay“ angebracht – mit eigenen lyrischen Annäherungen an den Begriff „Krise“ ab.

Ich wünsche diesem Buch viele Leser.

Karl-Heinz Meilwes, Hannover, März 2006